Am 29. Januar 2025 sprach Thüringens Ministerpräsident beim Gedenkakt für die Opfer des Nationalsozialismus über ein Denken, das die Menschlichkeit Stück für Stück aufgegeben habe. Über ein Jahr später ergab eine Analyse, dass diese Rede zu hundert Prozent von einer Maschine formuliert worden war.

Die These dieser Woche: Die Aufregung über KI-geschriebene Politikerreden trifft den falschen Adressaten. Fremdverfasste Reden sind seit der Antike der Normalfall. Empört sind wir also nicht darüber, dass Politiker ihre Reden manchmal nicht selbst schreiben, sondern darüber, an wen das Schreiben delegiert wird. Diese Unterscheidung wird künftigen Generationen so rätselhaft erscheinen wie uns heute die Furcht vor der Eisenbahn.

Was in Deutschland passiert ist

Das Rechercheportal „Frag den Staat“ ließ elf Reden und vier Gastbeiträge von Mario Voigt durch das Analysewerkzeug Pangram laufen. Bei neun der elf Reden lag der errechnete KI-Anteil weit über fünfzig Prozent, drei Reden erschienen vollständig maschinell erzeugt, darunter die Neujahrsansprache und die Ansprache zum NS-Gedenken. Bei drei der vier Zeitungsbeiträge kam das Programm auf hundert Prozent. Zusätzlich ließen sich Zitate von Wissenschaftlern, die Voigt in einem Gastbeitrag verwendete, nicht verifizieren. Die FAZ nahm einen Beitrag daraufhin vom Netz, mit der Begründung, man veröffentliche grundsätzlich keine Originalbeiträge mit KI-generiertem Text.