Es gibt Fragen, die man nicht stellt, weil man eine Antwort braucht, sondern weil man nicht anders kann. Die Frage nach dem Sinn des eigenen Daseins gehört dazu. Kein Tier, soweit wir wissen, hat sie je gestellt. Gerade diese Einzigartigkeit war für den Menschen über Jahrtausende mehr als eine Merkwürdigkeit. Sie galt als Indiz dafür, dass es eine Antwort geben muss.
Die These dieser Woche
„Künstliche Intelligenz widerlegt nicht die Frage nach dem Sinn des Lebens. Sie zerstört aber endgültig den alten Schluss, wonach schon unsere Fähigkeit, diese Frage zu stellen, eine Antwort verbürgt.“
„Alle Menschen streben von Natur nach Wissen“, lautet der erste Satz der aristotelischen Metaphysik. Aristoteles beschreibt ein Streben, das über jeden Nutzen hinausgeht, und er verortet den Anfang der Philosophie im Staunen. Augustinus wendet diesen Gedanken ins Religiöse. „Geschaffen hast du uns auf dich hin, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ Die Unruhe gilt ihm nicht als Mangel, sondern als Zeichen. Wer hungert, darf annehmen, dass es prinzipiell etwas gibt, womit dieser Hunger auch gestillt werden kann.
Nirgends wird dieser Schluss so ausdrücklich gezogen wie bei Immanuel Kant. In der „Kritik der Urteilskraft“ nennt er den Menschen den letzten Zweck der Schöpfung auf Erden, „weil er das einzige Wesen auf derselben ist, welches sich einen Begriff von Zwecken machen“ kann. Kant begründet die Sonderstellung des Menschen also nicht mit seiner Herkunft oder einem göttlichen Auftrag. Er begründet sie mit einer kognitiven Fähigkeit.