In „Magnifica Humanitas", seiner am 25. Mai 2026 vorgestellten ersten Enzyklika über den Schutz des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz, formuliert Leo XIV. eine Diagnose, die in ihrer politischen Sprengkraft unterschätzt wird. Wir müssten uns, so der Paps, ganz realistisch fragen, wer heute die Macht innehat: Private Unternehmen oder der Staat? Früher, schreibt er, sei es weitgehend Aufgabe des Staates gewesen, Innovation zu lenken und zu leiten. Heute jedoch seien die wesentlichen Treiber der Entwicklung private, oft transnationale Akteure, deren Ressourcen und Interventionsfähigkeiten jene vieler Regierungen überstiegen. Das würde dann bedeuten, dass die Architektur der modernen Staatlichkeit ihren Adressaten verliert.

Um zu verstehen, warum diese Passage so weit trägt, lohnt der Rückgriff auf den Begründer der modernen Staatstheorie. Thomas Hobbes hat im „Leviathan" von 1651 die Konstruktion entworfen, die bis heute den westlichen Verfassungsstaat trägt. Im sogenannten Naturzustand, schreibt Hobbes, lebten die Menschen in einem permanenten Krieg aller gegen alle. Jeder fürchtete jeden, niemand konnte sicher sein, dass er morgen noch sein Eigentum, seine Familie, sein Leben behalten würde. Aus dieser unerträglichen Lage schließen die Menschen einen Vertrag. Sie übertragen einem gemeinsamen Souverän, dem Staat, das Monopol auf legitime Gewalt. Im Gegenzug erhalten sie Schutz, Ordnung und Recht. Die staatliche Macht ist, und das ist der revolutionäre Gedanke von Hobbes, nicht göttlich, nicht naturgegeben, sondern aus einem rationalen Abtausch zwischen Menschen hervorgegangen: Freiheit gegen Sicherheit, Selbstjustiz gegen Recht, Anarchie gegen Frieden. War die Staatsgewalt in der Antike durch das Recht des Stärkeren und im christlichen Mittelalter durch Gott legitimiert, begann mit dieser Neugründung von legitimer Gewalt die politische Moderne. Dieser Tausch ist das stille Fundament jeder modernen Demokratie.

Genau diese Konstruktion gerät nun unter Druck. Denn die entscheidenden Risiken unserer Gegenwart kommen nicht mehr aus dem menschlichen Naturzustand, sondern aus dem technischen Innovationszustand im Zuge der Künstlichen Intelligenz. Nicht mehr der Krieg aller gegen alle ist das Hauptproblem, sondern die potentielle Steuerung aller durch wenige. Der Staat steht vor einer Macht, die schneller lernt, globaler skaliert und tiefer in den Alltag eindringt als jede demokratisch legitimierte Institution. Wenn der Staat aber die zentralen Risiken einer Gesellschaft nicht mehr beherrschen kann, dann ist sein Schutzversprechen nichts mehr wert und der Gesellschaftsvertrag gebrochen.