Wie ist daher eine künftige Gesellschaft denkbar, in der wir diese Selbstdefinition verloren haben? Eine Selbstdefinition, auf deren Basis wir Demokratie, Menschenrechte und den liberalen Rechtsstaat errichtet haben? Sollten wir versuchen, der religiösen Abbildtheorie wieder mehr abzugewinnen, oder gibt es noch andere Wege, um unser „Menschsein“ zu sichern?
Wenn Kinder in hundert Jahren im Geschichtsunterricht etwas über unsere Zeit lernen, wird vermutlich kein einziges Schulbuch erwähnen, wer zu Beginn des 21. Jahrhunderts Bundeskanzler in Österreich oder Deutschland oder Kommissionspräsident der EU war. Was hingegen mit Sicherheit darin stehen wird: Unsere Gegenwart war die Zeit, in der die Künstliche Intelligenz das Licht der Welt erblickte.
Kaum ein anderer Begriff entfacht ähnlich kontroverse Diskussionen, Hoffnungen und Ängste. Die einen sehen in der KI den Heilsbringer, eine Antwort auf alle großen Menschheitsprobleme: Klimawandel, Armut, Krankheit, Einsamkeit. Die anderen warnen eindringlich vor einem drohenden Ende der Menschheit, heraufbeschworen durch eine außer Kontrolle geratene Technologie. Zwischen digitalem Paradies und algorithmischer Apokalypse scheint es kaum noch Raum für Zwischentöne zu geben.
In den kommenden Jahren wird die öffentliche und mediale Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz nicht nur in der Breite zunehmen, sie wird sich auch inhaltlich vertiefen. Was heute oft auf wirtschaftliche und technische oder eben fiktionale Aspekte beschränkt bleibt, wird morgen alle Lebensbereiche erfassen. Wie lässt sich eine ethische, menschenfreundliche KI gestalten? Was bedeutet Kunst, wenn Algorithmen malen und komponieren können? Was bleibt in einer säkularisierten Welt vom Menschen, wenn Vernunftbegabung nicht länger seine exklusive Domäne ist? Werden wir, wenn Maschinen Bewusstsein zeigen, neben Tierrechten bald auch Roboterrechte diskutieren müssen? Und was bedeutet es überhaupt, intelligent zu sein oder zu verstehen?
Warum wir trotz all dieser offenen Fragen keine Angst vor der Zukunft haben sollten und die Konsequenz dieser Entwicklung ein neuer, radikaler Humanismus, eine Selbstsetzung des Menschen sein muss, erklärt dieses Buch. Es ist eine Gebrauchsanweisung für eine Gesellschaft im KI-Zeitalter, in dem wir in erster Linie lernen müssen, uns selbst als Menschen neu zu definieren.
Als Manager von Projekt MARE, einem Forschungspark für KI in der digitalen Medizin in Venedig, sehe ich täglich das Potenzial und die Herausforderungen dieser Technologie in der Praxis. Als Philosoph fasziniert mich, dass sich mit dem Aufkommen Künstlicher Intelligenz viele der zentralen Fragen der abendländischen Geistesgeschichte neu stellen. Und als ehemaliger Politiker weiß ich um die enorme Sprengkraft, die diese Entwicklungen für unsere Gesellschaft, unsere Demokratie und unsere sozialen Ordnungen haben werden.
In diesem Buch werde ich versuchen, diese verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und eine Brücke zwischen der philosophischen Tradition und unserer technologischen und gesellschaftlichen Zukunft zu schlagen. Der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz zwingt uns zu einer völlig neuen Einordnung unserer selbst. War der Mensch bisher daran gewöhnt, sich als das Andere der Natur zu definieren, so müssen wir uns nun als das Andere der intelligenten Maschine begreifen. Die bloße Vernunft reicht als alleiniges Unterscheidungsmerkmal nicht mehr aus. Mit diesem Buch möchte ich aufzeigen, wie uns durch einen bewussten Akt der Selbstsetzung ein neuer, radikaler Humanismus gelingen kann, der unsere Würde bewahrt und unsere demokratische Gesellschaft für kommende Generationen sichert.
Gernot Blümel