Die Presse: Sie vertreten in Ihrem Buch „Die Selbstsetzung des Menschen“ gewagte Thesen. Eine davon lautet, dass die Weigerung, der Künstlichen Intelligenz Denkfähigkeit zuzugestehen, vor allem auf eine gekränkte Eitelkeit zurückzuführen ist. Was genau meinen Sie damit?

Gernot Blümel: Wir alle sind geistige Kinder des Abendlandes, ob wir wollen oder nicht. In dieser Tradition gab es seit jeher nur zwei Möglichkeiten – die sogenannte anthropologische Differenz, also das, was den Menschen unter allen Entitäten auf diesem Planeten so besonders macht, zu begründen: die Gottesebenbildlichkeit oder die Vernunftbegabtheit. In einer gänzlich säkularisierten und durch die Aufklärung geprägten Welt ist nur noch die Vernunftbegabtheit jenes Merkmal, welches diese anthropologische Differenz trägt. Ich verwende die Begriffe Vernunft, Intelligenz oder allgemein das, was man als kognitive Fähigkeiten bezeichnet, hier synonym, was zugegebenermaßen etwas unscharf, aber aus meiner Sicht legitim ist. Und genau in diesen kognitiven Fähigkeiten übertrifft uns KI bereits häufig. Die Ablehnung dieser Erkenntnis wird oft mit solcher Vehemenz ausgedrückt, dass sie an gekränkte Eitelkeit erinnert. Sigmund Freud hat dem Menschen bereits drei Kränkungen seiner Eitelkeit attestiert: durch die Kopernikanische Wende und den Beweis, dass wir nicht das Zentrum des Universums sind; die darwinsche Evolutionstheorie und die Erkenntnis, dass wir nicht als Höhepunkt der Schöpfung von Gott geschaffen wurden, sondern vom Affen abstammen; und Freuds eigene Entdeckung des Unterbewussten, die bedeutet, dass wir nicht mal Herr unseres Denkens sind. Die vierte Kränkung ist nun die technologische, welche uns KI zufügt, weil sie intelligenter wird als wir.

Einer weiteren These zufolge verlieren Demokratie und Menschenrechte ihr Fundament, ohne dass wir es mitbekommen. Das ist insofern interessant, als ich es für eine beachtliche Verknappung halte, pauschal von „Demokratie und Menschenrechten“ zu reden. Selbst innerhalb Europas gibt es in dieser Hinsicht relevante Unterschiede.

Das ideengeschichtliche Fundament von Demokratie und Menschenrechten ist dasselbe: die Vernunftbegabtheit. Sie konstituiert seit der Aufklärung die Würde des Menschen, und weil der Mensch durch Vernunft die Fähigkeit hat, seine Lebenswelt zu erkennen, zu reflektieren und zu gestalten, leitet sich aus ihr auch das Mitbestimmungsrecht seiner Lebenswelt und damit Demokratie ab. Nachzulesen ist das in einem der grundlegendsten Dokumente unserer Gesellschaft, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. In Artikel 1 ist das Wesen des Menschen definiert: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.“ Jedes der hier genannten Wesensmerkmale des Menschen beruht implizit oder explizit auf der Vernunftbegabtheit. Nicht auf Empfindsamkeit, nicht auf Mitgefühl, nicht auf Körperlichkeit, nur auf Vernunft. Und die Exklusivität dieser Begabung macht uns die KI heute streitig.

Werden wir konkret. Ist die KI für den Arbeitsmarkt insgesamt mehr Bedrohung oder mehr Chance?

Ich persönlich bin hier Optimist. Langfristig zumindest. Historisch gesehen hat jede technische Weiterentwicklung nach einer Zeit des Umbruchs mehr Arbeitsplätze entstehen lassen als jemals davor. Ich denke, es wird auch hier so sein. Allerdings tun wir uns schwer, die künftigen Tätigkeiten heute schon zu erahnen, weil sich das gesamte Wirtschafts- und Gesellschaftsgefüge ändern wird.

Inwiefern?

Wir werden für Tätigkeiten bezahlt werden, für die wir uns das heute noch nicht vorstellen können. Ein gutes Denkmuster, um sich vorstellen zu können, was ich meine, ist Fußball. Fußball ist nicht effizient, er löst kein Problem, er produziert keine Waren, und dennoch leben von diesem Phänomen Millionen von Menschen, natürlich nicht nur die Fußballer. Es geht mehr um Sinnerfüllung und Beziehungen. Überall, wo persönliche Beziehungen für die erbrachte Leistung entscheidend sind, wird Platz für neue Beschäftigung sein.

Welche Branchen werden die zunehmende Bedeutung der KI besonders stark spüren?

Alle werden KI stark spüren. Am längsten werden wohl die Handwerker verschont bleiben. Dass Handwerk goldenen Boden hat, erhält auf unvorhergesehene Weise in der kommenden Übergangszeit eine neue Bedeutung.

Große Hoffnungen in die KI werden im Gesundheitssystem gesetzt, um es effizienter zu machen. Zu Recht?

Ja, ich nenne dafür drei Beispiele: Medizinisches Wissen verdoppelt sich alle sieben Monate, ohne Nutzung der KI ist es für Ärzte gar nicht möglich, auf dem neuesten Stand zu bleiben. Hausärzte haben für ihre Patienten im Schnitt zwischen fünf und acht Minuten, inklusive administrativer Tätigkeiten, auch hier kann die KI helfen, damit Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten haben. Und drittens: Es gibt rund 7000 sogenannte seltene Erkrankungen, die Ärzte höchstens vier, fünf Mal in ihrem Leben sehen. Mit der Mustererkennung der KI, sofern sie angewendet wird und nicht am Datenschutz scheitert, lassen sich diese Krankheiten früher und leichter erkennen. Das verringert nicht nur den Leidensweg der Patienten, sondern belastet auch das Gesundheitssystem weniger.

Besonders interessant finde ich das Kapitel „Roboterrechte“, in Anlehnung an Menschenrechte. Sie gehen wirklich davon aus, dass Roboter so etwas wie Persönlichkeitsrechte haben werden?

Ich hoffe nicht, aber die Entwicklung zeigt eindeutig in diese Richtung. Und zwar aus mehreren Gründen. Erstens wegen der bereits ausgeführten Intelligenz der Maschinen, die in ihrer kognitiven Interaktion immer schwerer vom Menschen unterscheidbar werden. Denn ich erinnere daran, dass Körperlichkeit, wie auch immer sie gestaltet ist, nach unseren eigenen Definitionen bisher nicht als entscheidendes Wesensmerkmal des Menschen angesehen wurde und dafür auch nicht taugt. Zweitens, weil es immer mehr regulative Bemühungen gibt, die, ohne es zu wollen, dieses Problem noch wahrscheinlicher machen. Bereits vor fast zehn Jahren diskutierte das Europäische Parlament über die Einführung einer digitalen Person, und in Dänemark wurden digitale Daten kürzlich mit Persönlichkeitsrechten versehen, selbst wenn der Mensch, dem sie zuzuordnen sind, bereits lange tot ist. Der Gedankensprung zu einer rechtlich anerkannten, rein digitalen Entität ist damit nicht mehr weit.

Welchen Ratschlag haben Sie für jemanden, der gerade zwischen 16 und 20 ist und vor der großen Entscheidung steht, sich für eine Ausbildung bzw. einen Beruf zu entscheiden?

Das Schöne an dieser Entwicklung ist, dass es ein bisschen mehr wurscht sein wird, was wir lernen, solange wir unseren Geist intensiv an einem Gegenstand schulen. Dabei lernt man zu denken, Probleme zu lösen, seinen Verstand zu nutzen und die Urteilskraft zu schärfen. Was dabei immer bleiben wird und auch immer so war: Nur am Widerstand und seiner Überwindung lernen wir. Dafür gibt es auch in Zukunft keine Abkürzung.

Mit anderen Worten: Folge trotz allem deinem Herzen?

Könnte man so sagen, ja. Denn der erforderliche Fleiß wird durch die Möglichkeiten der KI zwar nicht weniger, aber wir können ihn in jenen Bereichen erbringen, die uns intrinsisch mehr Spaß machen.

Sind Sie im Reinen mit Ihrer politischen Karriere?

Wenn die eigene politische Karriere durch Ermittlungen beendet wird, bei denen dann genau das rauskommt, was man selbst immer gesagt hat, nämlich nix, dann hinterlässt das schon einen schalen Beigeschmack, der mit der Zeit schwächer wird. Ein Bedürfnis zurückzukehren verspüre ich aber nicht.

Was war das Schwierigste beim Wechsel von der Politik in die Privatwirtschaft?

Den Umgang mit Öffentlichkeit neu zu lernen. Positiv ist, dass ich mehr Privatsphäre habe. Negativ hingegen, dass ich gern mehr Aufmerksamkeit für meine beruflichen Projekte hätte. Diese Aufmerksamkeit zu bekommen, war früher als Politiker einfacher.

Zur Person

Gernot Blümel war bis 2021 Finanzminister und zuvor Kanzleramts- sowie Kulturminister in Österreich. Der studierte Philosoph ist seit Anfang 2023 Managing Director des Mare TechnoPark – eines international tätigen Unternehmens für digitale Medizin und Künstliche Intelligenz in Venedig. Blümel ist mit der Journalistin Clivia Blümel (Puls 4) verheiratet.

Gernot Blümel „Die Selbstsetzung des Menschen“, Verlag: Plassen. Seiten: 170. Euro: 24,50.