Seit 2023 ist Gernot Blümel Managing Director des „Mare TechnoPark“, eines KI-Zentrums für digitale Gesundheit mit Sitz in Venedig. Im Interview spricht er anlässlich seines im August erscheinenden Buchs „Die Selbstsetzung des Menschen“ über das Problem der abendländischen Gesellschaft, die Aura von Kunst und die Vernunftbegabung des Menschen.
Bereits der Titel Ihres Buches wirft Fragen auf. Was verstehen Sie unter „Selbstsetzung“?
Der Begriff kommt aus dem deutschen Idealismus von Johann Gottlieb Fichte, der sich mit dem Ich und damit, wie es zustande kommt, auseinandergesetzt hat. Es gibt diesen einen Satz in der Wissenschaftsgeschichte, der es auf den Punkt bringt: „Das Ich setzt sich selbst.“ Es ist eine frühe Form der Bewusstseinsphilosophie.
Wie entsteht also das Ich?
Im Idealismus ist es so, dass das Denken und die Ideen das Wahre sind und den Rest der Welt konstituieren. Der Ausgangspunkt von allem ist das eigene Ich, das laut Fichte durch eine Tathandlung entsteht. Das Ich bringt sich also aus sich selbst hervor. In einem Zeitalter, in dem wir mit Künstlicher Intelligenz interagieren und mit Chatbots sprechen, entsteht für mich die Analogie: Hat die KI ein eigenes Ich?
Was vielleicht dazu führt, dass es viele gibt, die vor der KI Angst haben, und andere, die Hoffnungen in sie setzen?
In der KI-Debatte gibt es genau diese zwei Pole: die Apokalyptiker der Terminator-II-Fraktion und die Utopisten, die der Meinung von Ray Kurzweil sind, dass wir der Singularität immer näher kommen, dass wir alle ewig leben und die KI alles lösen wird. Worum es mir geht, ist eine völlig andere KI-Dimension: Was macht die KI mit dem Selbstbild des Menschen?
Was macht es mit Gernot Blümels Selbstbild?
Wahrscheinlich ist es jedem von uns so gegangen, als wir mit den frühen Formen von ChatGPT interagiert und uns gefragt haben: Wie kann das Ding sprechen? Das ist heftig, denn uns als abendländischen Geschöpfen wurde eingetrichtert, dass das Sprechen ein Zeichen von Intelligenz ist, dass wir uns damit von den Tieren unterscheiden. Sogar in der Bibel steht: „Am Anfang war das Wort.“ Sprechen ist etwas genuin Menschliches - und auf einmal kann das eine Maschine mit einer unglaublichen Präzision.
Künstliche Stimmen gehören zum Alltag, KI-Songs führen in den Charts. Werden wir menschliche Kunst und Künstler zugunsten der KI infrage stellen?
Die Zukunft vorherzusagen - daran scheitern die meisten. Ein Blick in die Vergangenheit ist oft hilfreicher. Es gibt einen Aufsatz von Walter Benjamin, dem Philosophen der 1930er-Jahre: „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Benjamin legt dar, was die technischen Neuerungen vom Grammophon bis zum Bilddruck mit der Kunst machen. Auf einmal war eine Symphonie in jedem Wohnzimmer hörbar. Man musste nicht mehr in den Louvre, um die Mona Lisa zu sehen. Benjamin sagt, dass durch die künstliche Reproduzierbarkeit die Aura des Kunstwerks, seine Authentizität und Echtheit verloren geht.
Nach Benjamin verheißt die Jetzt-Zeit für die Kunst also nichts Gutes?
Spannenderweise gab es schon zu Benjamins Zeit eine Gegenreaktion: die sogenannte Kontext-Kunst - das, was Marcel Duchamp mit seiner Ready-made-Kunst gemacht hat, indem er ein Urinal ins Museum gehängt und zur Kunst erklärt hat. Der Kunst wurde durch die Inszenierung die Aura zurückgegeben. Setzt man diesen Gedanken fort, wird aus der künstlichen Reproduzierbarkeit die künstliche Produzierbarkeit von Kunst. Um ihr die Aura zurückzugeben, wird das Live-Event an Bedeutung gewinnen.
Dann sind wir bei Marina Abramović?
Performance-Kunst ist ein Teil davon. Aber schauen wir uns das Neujahrskonzert an: ein jahrhundertealtes Repertoire, das sich jeder auf LP, CD oder als MP3 anhören kann - und trotzdem sehen es sich 50 Millionen Menschen weltweit jedes Jahr am 1. Jänner an.
Der Umgang mit KI im Lernen könnte kontroverser nicht sein. Die einen halten ganze Fächer für obsolet, die anderen fürchten, der Geist verkümmere. Welcher Denkschule gehören Sie an?
Dieser scheinbare Widerspruch ist gar nicht so schwer auflösbar. Denken, lernen, die eigene Urteilsfähigkeit schulen - das war immer schon eine mühsame Herausforderung, es hatte immer mit Widerstand zu tun. Wir lernen am und durch den Widerstand. Das Lernen braucht immer einen Gegenstand, an dem es sich abarbeiten kann. Diese Grundfertigkeiten müssen wir unseren Kindern vermitteln. Bis zur Volksschule und Unterstufe würde ich jedes digitale Gerät aus der Schule verbannen, weil Bildschirme für die neuronale Entwicklung von Kindern totales Gift sind.
Und später?
Man kann Schritt für Schritt den Bildschirm einführen und sich mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen - aber das darf auf keinen Fall die eigene Auseinandersetzung mit einem Gegenstand ersetzen.
Wie kann schriftlich Wissen geprüft werden, wenn die gesamte Urheberschaft der KI zuzutrauen ist?
Ganz einfach: mehrstündige Prüfungen vor Ort, bei denen handschriftlich abgefragt wird. Wissensabfragen anders zu gestalten, wird kein Problem sein.
Ihr Buch versteht sich als „Gebrauchsanweisung“ für den Umgang mit KI. Was kann sich der Leser erwarten?
Das Buch hat zwei Teile. Der erste gibt Orientierung, in welchen Bereichen die KI unser Leben schon verändert hat. Der Kernteil geht der fundamentalen Frage nach, was KI aus metaphysischer Sicht überhaupt ist. Was ist Intelligenz? Eine allgemein anerkannte Definition gibt es nämlich nicht. Insofern können wir schwerlich sagen, dass die KI nicht intelligent ist, weil wir gar nicht genau wissen, was Intelligenz ist.
Hat die KI ein Bewusstsein?
Wir wissen bis heute nicht, was Bewusstsein überhaupt ist, was es hervorruft und konstituiert. Wir können nicht einmal sagen, ob Johanna Hager oder Gernot Blümel ein Bewusstsein haben - also können wir es auch von der KI nicht sagen. Und jetzt kommt der springende Punkt: Das Problem unserer abendländischen Gesellschaft von Demokratie und Menschenrechten ist, dass sie auf der anthropologischen Differenz der Vernunftbegabung begründet ist. Demokratie ist nur denkbar auf Basis der Würde des Menschen, und diese Würde definiert sich über die Vernunftbegabung. Was heißt es für uns, wenn wir nach unseren eigenen Definitionen eine Maschine erschaffen haben, die dieses Kriterium genauso erfüllt?
„Die einzige Möglichkeit, die Übergeordnetheit des Menschen über die KI festzuschreiben, ist die Selbstüberhöhung.“Gernot Blümel
Sind wir an diesem Punkt bereits angelangt?
Langsam kommen wir dorthin. Die einzige Möglichkeit, die Übergeordnetheit des Menschen über die KI festzuschreiben, ist die Selbstüberhöhung. Das kann entweder über die Gottesebenbildlichkeit passieren oder über die eigene Selbstüberhöhung über alles andere. Dann wären wir beim Buchtitel: der Selbstsetzung.
Zu guter Letzt: Empathie kann die KI nicht. Oder nur noch nicht?
Was wir unter Empathie und Emotionen verstehen, ist sehr oft biologisch begründet. Diese biologische Komponente fehlt der KI, denn sie basiert nicht auf Kohlenstoff wie der menschliche Körper. Aber worauf wir seit 2.500 Jahren so stolz waren, war doch, uns von der biologischen Komponente gelöst und das Besondere in unserem Verstand gesucht zu haben. Genau deshalb ist die KI die Herausforderung unserer Zeit: Sie kann den Verstand simulieren. Wenn wir nicht mehr zwischen Simulation und Wahrem unterscheiden können - wie relevant ist es dann noch, ob wir echte von scheinbarer Emotionalität unterscheiden?
Gernot Blümel: „Die Selbstsetzung des Menschen. Eine philosophische Gebrauchsanweisung für unsere Gesellschaft im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz.“ Plassen Verlag, 24,95 Euro. Erscheint am 20. August 2026.