Er war der sprichwörtliche Philosoph in der Regierungsriege von Sebastian Kurz: Als dieser Ende 2021 seinen Rücktritt als Bundeskanzler erklärte, nahm auch Gernot Blümel, seines Zeichens Finanzminister, den Hut. Wie seinen langjährigen politischen Weggefährten zog es auch Blümel in die Privatwirtschaft: Seit zweieinhalb Jahren arbeitet er als Leiter des „Mare TechnoParks" in Venedig an einer Schnittstelle für digitale Gesundheit und KI. Auf der Insel Lido di Venezia entsteht derzeit auf dem Areal des historischen Ospedale al Mare ein moderner Campus. Langfristig soll daraus so etwas wie ein europäisches Silicon Valley werden. Als Geldgeber dahinter steht maßgeblich der umtriebige deutsche IT-Milliardär Frank Gotthardt als Hauptinvestor.

Zur Anwendung von Künstlicher Intelligenz (KI) hat Blümel seit jeher ein entspanntes Verhältnis. Wenn ein Politiker seine Reden durch ChatGPT schreiben lässt, ist das für ihn kein Problem oder gar Betrug am Wähler: „Das ist völlig wurscht, wer die schreibt. Relevant ist, was der Politiker sagt. Er verantwortet sich ja für das, was er sagt. Ich verstehe die Debatte eigentlich garnicht, denn Redenschreiben, das war seit der Antike eine eigene Profession, die ein Redenschreiber für Politiker gemacht hat", erklärt er im Interview mit der TT über sein Buch, das dieser Tage erscheint.

Blümel legt darin eine „philosophische Gebrauchsanweisung" (Eigenbeschreibung) für die Gesellschaft in Zeiten von KI vor. Eine seiner Grundthesen: Der Mensch muss sich selbstbewusst und deutlich über die KI stellen, um nicht unterzugehen.

Ritt durch die Geschichte

„Die Künstliche Intelligenz erlangt nach und nach kognitive Fähigkeiten. Was bedeutet das dann für die Grundlage der Würde des Menschen? Müssen wir die dann einer Künstlichen Intelligenz auch zugestehen? Und wenn ja, was heißt das für die Grundlage unserer Gesellschaft?", fragt Blümel. Einen Großteil des Buches widmet der Autor den großen Philosophen der Antike, Aufklärung und Neuzeit. Er spannt den Bogen von Platon über Descartes und Hegel bis zur Postmoderne und stellt Zusammenhänge her zwischen den Urfragen der Philosophie und den Fragen, die wir uns heute im Umgang mit KI stellen müssen. Das gerät teilweise sehr kurzweilig, etwa wenn der ehemalige Minister einen Exkurs zu einer prophetischen Raumschiff-Enterprise-Folge unternimmt und diese analysiert.

Für Blümel ist klar: Die (Arbeits-)Welt wird sich durch KI stark verändern, die Frage ist, was jeder Einzelne daraus macht. Es werde auch Branchen geben, die in diesem Zusammenhang stark profitieren, Handwerk und Tourismus etwa.

Einen persönlichen KI-Assistenten hätte er gerne schon in Corona-Zeiten gehabt, das hätte die Recherchearbeit zu den Pandemiemaßnahmen erleichtert, ist Blümel überzeugt. Und auf die Frage, wann ihm die KI das letzte Mal Angst gemacht habe, sagt er: „Ich bin ein bisschen zerrissen zwischen der Faszination der Möglichkeiten dieser Technologie und dem Nicht-genau-Wissen, wo das am Ende des Tages hinführen wird. Das ist eine ständige Empfindung, die ich habe, aber es überwiegen Optimismus und die Faszination."

„Ob mir KI Angst macht? Es überwiegen Optimismus und Faszination."
Gernot Blümel, Autor und Ex-Politiker

Warum KI und Philosophie mitunter Hand in Hand gehen

Gernot Blümel (44): War von 2017 bis 2021 unter Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) zuerst Minister im Kanzleramt (EU, Kunst, Kultur und Medien) und dann für Finanzen. Heute ist er Managing Director des Mare TechnoParks, eines großen Projekts für digitale Gesundheit und Künstliche Intelligenz, das gerade auf der Insel Lido di Venezia in Venedig entsteht. Das historische ehemalige Areal des Ospedale al Mare wird in einen modernen Campus umgewandelt. Im Endausbau soll dort Platz sein für 900 Datenwissenschaftler bzw. KI-Techniker.

Hintergrund: Blümel hat Philosophie und Wirtschaft studiert und pendelt zwischen Venedig und Wien, wo er in einer Bürogemeinschaft mit seinen ehemaligen Regierungskollegen Sebastian Kurz und Elisabeth Köstinger sitzt. Ambitionen, in die Politik zurückzukehren, hat er nicht.

Das Buch: In seinem dieser Tage erscheinenden Buch, „Die Selbstsetzung des Menschen" (Plassen Verlag) nähert sich Blümel den Herausforderungen der Gesellschaft in Zeiten der KI auf philosophisch-ethischer Basis. Blümel verknüpft darin Grundfragen der Philosophie über das Mensch-Sein mit den drängendsten Fragen unserer Zeit zur KI. Leicht lesbar, auch für Nicht-Philosophen und Fans von Raumschiff Enterprise.

Die Langfassung des Interviews lesen Sie online — tt.com