Sie haben ein Buch über die Konsequenzen der Künstlichen Intelligenz geschrieben. Wie viel KI steckt in Ihrem Buch?

GERNOT BLÜMEL: Ich verwende generell KI im Arbeitsalltag, also auch bei diesem Buch. Konkret betrifft das Recherche, Ideenfindung und Formulierungen.

KI-Unternehmer Elon Musk prophezeit, dass binnen fünf Jahren die gesamte menschliche Intelligenz von KI-Systemen übertroffen werden wird, und binnen zehn Jahren Geld seine Bedeutung verliert, weil wir in eine neuen Ära des Überflusses leben. Stimmen Sie zu?

Bei Elon Musk ist man Übertreibungen gewohnt. Insofern wird er ich seine zweite Prophezeiung anzweifeln. Dass die kumulierte Intelligenz der Maschine in absehbarer Zeit die kognitiven Fähigkeiten von Menschen überschreitet, teile ich. Allerdings mit der Einschränkung, dass es dabei um die Masse an Wissen und logische Schlussfolgerungen geht. Genau deshalb müssen wir im Zeitalter der KI neu überlegen, wie wir uns als Menschen neu bestimmen, weil sich unsere Intelligenz und Vernunft in ihrer bisherigen Definition nicht mehr von Maschinen unterscheiden werden.

Aristoteles definierte den Menschen als das vernunftbegabte Tier. Sie erklären das nun für überholt. Woher kommt das Selbstbewusstsein?

Ja, das ist eine mutige These, wobei ich weniger Aristoteles für überholt erkläre als Immanuel Kant, der die Würde des Menschen ausschließlich mit seiner Begabung zur Vernunft begründete. Diese Überzeugung ist tief in unserer Vorstellung von Menschenrechten und Demokratie verankert. Doch im Zeitalter der KI gehört diese Eigenschaft vielleicht nicht mehr nur uns Menschen allein. Wir müssen diese Debatte auch in Bezug auf Maschinen führen.

Was heißt das für die Stellung des Menschen?

Entweder wir gehen zurück auf eine traditionelle Begründung des Menschen als Ebenbild Gottes. Dann wäre klar, dass die Maschine uns niemals das Wasser reichen kann. Doch in einer säkularisierten Welt wie der unseren halte ich das für unwahrscheinlich. Dass Papst Leo XIV. seinen Namen der KI gewidmet hat, ist bemerkenswert. Oder wir Menschen setzen uns selbst absolut, entdeckt weil wir es wollen und können. Das ist vielleicht nicht charmant, aber in einer säkularisierten Welt wohl die wahrscheinlichste Option.

Zuletzt häuften sich Meldungen, dass die neuesten Modelle bei Tests ein gefährliches Eigenleben entwickeln. Wie soll diese neue Macht kontrolliert werden?

Das weiß ich nicht. Wir haben es beim Umgang mit der Atomkraft aber schon einmal geschafft, eine neue Technologie, die sowohl nutzbringend als auch gefährlich ist, zu regulieren und zu kontrollieren. Entscheidend ist die Frage, ob sich die KI selbst das Ziel gesetzt hat, zu einer Bedrohung zu werden, oder ob sie durch eine extreme Interpretation ihrer Anweisungen dazu kommt. Das ist grundlegend, aber von außen schwer erkennbar. Sicher: Wenn Menschen ist bei Gewalt nicht immer klar, ob es der Wille oder Willkür ist. Diese Debatte möchte ich gerne anstoßen.

Egal, ob Atomkraft oder Internet, die meisten disruptiven Technologien wurden vom Staat angestoßen. Bei der KI liegt die Macht in den Händen weniger Superreicher. Woher kommt Ihre Zuversicht, dass wir als demokratische Gesellschaft die Kontrolle erobern?

Mein Optimismus bezieht sich zunächst auf die enorme Problemlösungskapazität dieser Technologie. Ohne jetzt wie Elon Musk klingen zu wollen: Ich bin wirklich überzeugt, dass wir viele Krankheiten besiegen werden. Das ist auch das Thema meiner jetzigen Tätigkeit beim Forschungspark MARE für KI in der digitalen Medizin. Dank KI können wir vorhandene Medizindaten nutzen, um Krankheiten früher zu erkennen. Ob wir es schaffen, diese Technologie zu domestizieren? Ich bin zwar Optimist, aber mit Sicherheit kann das niemand sagen. Bei der Atomkraft ist es gelungen.

Und wir erleben ein globales KI-Wettrennen zwischen den USA und China. Wo bleibt da Europa?

Europa spielt, so ehrlich muss man sein, keine Rolle. Die USA liegen vorne, China hinkt mit einem Abstand von drei bis sechs Monaten hinterher. Es europäische KI-Wissenschaftler haben ein Szenario erstellt, wonach Europa in 7 bis 8 Jahren zu einer wirtschaftlichen Kolonie der USA oder Chinas herabsinkt, wenn wir nicht schnell reagieren. Es geht um Rechenleistung, Rechenleistung, Rechenleistung. Dieses Szenario ist hochreal Im Juli hat die US-Regierung den Zugang zu den neuesten KI-Modellen auf US-Staatsbürger beschränkt. Dabei war Europa zum ersten Mal in der Technologiegeschichte von der besten Technologie abgeschnitten.

Europa droht, binnen weniger Jahre zur wirtschaftlichen Kolonie zu werden.
Gernot Blümel

Trotzdem sind KI und deren Folgen immer noch ein Randthema.

Wir sich noch selbst mit den neuen Modellen beschäftigt, kommt beruflich noch selten damit in Berührung, weil große Konzerne teils sehr strenge Regelungen und Berührungslassen zu haben. Da spielt auch der Datenschutz eine Rolle. Deshalb fehlt vielen Entscheidungsträgern ein Bewusstsein für die Dimension der Veränderung.

Jetzt sind Sie doch Pessimist.

Zumindest hier bietet der Blick in die jüngere Vergangenheit wenig Anlass für Zuversicht. Wenn wir ausreichend Rechenkapazität bauen, ganz das schlimmste Szenario abgewendet werden. Wir könnten diese immerhin mit sauberem Strom betreiben, woanders wird die Energie schmutziger sein

Hierzulande gibt es auch Pläne für Rechenzentren. Ist Österreich ein guter Standort?

Technisch kann ich das zu wenig beurteilen. Mit unserer Wasserkraft würde ich sagen, dass wir keine schlechten Voraussetzungen hätten. Generell gilt: Egal wo, Hauptsache Europa!

Sie zitieren den Zukunftsforscher Ray Kurzweil, der behauptet, dass der erste Mensch, der 1000 Jahre alt wird, bereits lebt. Glauben Sie das wirklich?

Das ist ein utopisches Szenario. Es geht weniger darum, die absolute Lebenszeit zu verlängern als die Spanne der gesunden Lebensjahre.

Sie haben zwei kleine Kinder, die eine Welt ohne KI nicht mehr erleben werden. Sind Sie froh, in der analogen Zeit erwachsen zu sein?

Mit knapp 45 habe ich eine gewisse Nostalgie beim Blick auf meine Jugend. Daher tue ich mir schwer, diese neuen Entwicklungen nur positiv zu sehen. Jetzt stelle ich mir die Frage, wie ich meine Kinder auf diese neue Welt vorbereiten kann, die für sie völlig natürlich sein wird. In ihrer Welt werden alle Maschinen sprechen können. Das ist bei mir noch anders. Deshalb sehe ich das gilt auch für die Frage, was Erziehung heute leistet. Wir sich damit deltat Kritik in dieser Welt bestehen können Es geht darum, eigenständig zu denken lernen – und das auszuwenden. Wir werden dank der KI unseren Talenten und Neigungen viel besser nachgehen.

Zur Person

Gernot Blümel, geboren 1981 in Wien, war erst Kanzleramtsminister unter Türkis-Blau und dann Finanzminister unter Türkis-Grün. Sein Aufstieg in der ÖVP ist eng mit dem Namen von Sebastian Kurz verbunden; mit diesem verließ er auch Ende 2021 die Politik. Sämtliche Anzeigen gegen ihn im Zuge der Casinos-Affäre wurden später fallengelassen. Der studierte Philosoph arbeitet heute als Manager von MARE, einem Forschungspark von KI und digitaler Medizin bei Venedig. Er ist verheiratet und Vater zweier Kinder.